Technology and Innovation: It’s all about Politechs - So beginnt ein Kapitel des Berichts der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz. Es ist ein Paradebeispiel für die zunehmende Verwendung von Tech-Akronymen, die in den unterschiedlichsten Spielarten in immer mehr Digitalisierungskontexten auftreten.

In einigen Domänen sind diese Tech-Akronyme seit Jahren etabliert. In anderen scheinen sie beiläufig konstruiert zu werden und eher dekorativen Charakter zu haben. So taucht zum Beispiel der Begriff Politech abgesehen von der eingangs erwähnten Überschrift an keiner einzigen Stelle des oben genannten Berichts auf.

Die Formel ist ähnlich simpel wie bei Versionierungsbuzzwords. Die englische Bezeichnung einer Domäne wird abgekürzt und verschmolzen mit dem Suffix -tech für technology. So wird aus advertising technology das Buzzword adtech. Dabei kursieren unterschiedliche Schreibweisen wie Adtech, Ad Tech, AdTech und adtech.

Aufgrund des breiten Bedeutungs­rahmens und des generischen Charakters - “Technologie” kann schließlich vieles bedeuten - sind der Konstruktion von Tech-Akronymen kaum Grenzen gesetzt.

Eine Prise von High tech

Das Schema ähnelt damit der Zusammen­setzung des älteren Begriffs High tech. High tech bezeichnet als Abkürzung für Hoch- bzw. Spitzen­technologie den höchsten Punkt auf einer Bewertungsskala - mit Low tech als entgegen­gesetztem Ende1.

Was genau als Spitzen­technologie gilt, unterliegt den Vorstellungen der jeweiligen Zeit. So tauchte der Begriff high technology bereits 1958 in einem Artikel der New York Times auf2. Damals ging es um den fortgeschrittenen Stand der Atomenergie in Europa. Heute verstehen wir unter Spitzen­technologie etwas ganz anderes. Der 2005 gegründete High Tech Gründerfonds richtet sich beispielsweise - sehr offen formuliert - an

High-Tech-Startups aus den Bereichen Digitale Geschäftsmodelle, Industrial-Tech, Life Sciences, Chemie und angrenzende Geschäftsfelder3.

Im Gegensatz zu High tech bringen Begriffe wie Industrial-Tech keinen Bewertungs­rahmen explizit mit. Implizit schwingt aber durchaus die Assoziation mit, dass die unter dieser Klammer subsumierten Bereiche die Speerspitze der Innovation in der jeweiligen Branche bilden. Sie gelten immer auch als ein Stück High tech - vielleicht, weil der Begriff schlichtweg vorher da war, viel geläufiger ist als Low tech und damit diese Assoziation nahelegt.

FinTech als Vorlage

Einer der am häufigsten gebrauchten Tech-Begriffe ist laut Google Trends das Akronym FinTech4. Seit 2015 verzeichnet der Suchbegriff ein explosives Wachstum. Seit 2018 ist der Begriff im Internet sogar populärer als High tech. Im Dezember 2016 veröffentlichte Patrick Schueffel einen wissen­schaftlichen Artikel - Taming the Beast: A Scientific Definition of Fintech5 -, der sich den Ursprüngen und der Bedeutung von Fintech widmet.

Der Begriff wurde demnach bereits in den 1970er Jahren verwendet. So schrieb Abraham Bettinger, Vizepräsident der damaligen Banken-Holding Manufacturers Hanover Trust, in einem Artikel mit dem Titel FINTECH: A Series of 40 Time Shared Models Used at Manufacturers Hanover Trust Company, der 1972 in dem Journal Interfaces veröffentlicht wurde:

FINTECH is an acronym which stands for financial technology, combining bank expertise with modern management science techniques and the computer6

Um die heutige Bedeutung des Begriffs weiter zu untersuchen, führte Schueffel eine Literatur­recherche und semantische Analysen durch. Das Ergebnis ist ernüchternd:

The overall claim of this article is that no one single definition of Fintech exists. After more than 40 years that the term has been used in practice as well as literature there is no agreement as to what Fintech entails.5

Dieses Diktum geht schon in die Richtung der Definition eines Buzzwords an sich. Es wird ständig benutzt, bleibt von seiner Bedeutung her aber offen und anpassbar. Im Rahmen der Untersuchung betrachtete Schueffel auch die Gemeinsamkeiten von 13 Fintech-Definitionen, die er folgendermaßen zusammenfasst:

Fintech is a new financial industry that applies technology to improve financial activities.

Dabei rückt immerhin ein zentrales Charakteristikum der heutigen Verwendung des Begriffs in den Vordergrund: Fintech bezeichnet eine neue Branche. Unternehmen dieser neuen Branche laufen unter dem Begriff Fintechs. Dieses Schema scheint nach dem Vorbild von Fintech in vielen weiteren Branchen adaptiert worden zu sein. Ergänzend dazu werden bei Bedarf feingranularere Tech-Akronyme konstruiert. Davon zeugen zum Beispiel die Begriffe WealthTech für Vermögens­verwaltung und PayTech für Zahlungs­verkehr.

Die Verheißungen der neuen Branchen

Warum aber tauchen nun plötzlich neue Begriffe für Branchen auf, die von bestehenden Branchen abgeleitet sind? Die Finanzindustrie blickt ebenso wie die Werbe­branche auf eine lange Geschichte zurück. Warum gibt es jetzt auch Fintech und AdTech? Gab es nicht schon immer technische Entwicklungen, die in den betroffenen Branchen Veränderungen bewirkt haben?

Eine mögliche Erklärung ist, dass die neu gebildeten Worte der Tech-Akronyme von der in Digitalisierungs­diskursen weit verbreiteten Theorie der disruptiven Technologie motiviert sind. Die Theorie wurde Mitte der 1990er Jahre von dem US-amerikanischen Wirtschafts­wissenschaftler Clayton M. Christensen gepräft. Der Kerngedanke dahinter, die sogenannte schöpferische Zerstörung, lässt sich jedoch bis zu Karl Marx zurückverfolgen.

Jede ökonomische Entwicklung (im Sinne von nicht bloß quantitativer Entwicklung) baut auf dem Prozess der schöpferischen bzw. kreativen Zerstörung auf. Durch eine Neukombination von Produktionsfaktoren, die sich erfolgreich durchsetzt, werden alte Strukturen verdrängt und schließlich zerstört.7

Durch die Beschreibung von Fintech und Co als neuen Branchen erfolgt eine klare Abgrenzung zu etablierten Arbeitsweisen und Geschäfts­modellen. Die Begriffe suggerieren damit, dass es in Folge der Digitalisierung zu einschneidenden Brüchen an Stelle von Kontinuitäten kommt. Und dass die hinter diesen Begriffen stehenden Stakeholder eben die neue Stufe einläuten und das Alte verdrängen.

In der Realität ist das bisher bei Weitem nicht in allen Tech-Bereichen der Fall. Das Versprechen (oder die Drohung), das alte Geschäft durch etwas Neues zu ersetzen, ist jedoch ein mächtiges Konzept. Es prophezeit weitreichende Veränderungen und erzeugt damit einen gewissen Handlungsdruck und legt notwendige Investitionen in die Zukunft nahe.

Kein Wunder also, dass die Tech-Akronyme vor allem im Startup-Umfeld breite Verwendung finden. Je größer die Revolution sein soll, die all die FinTechs, InsurTechs und GovTechs versprechen, desto höher fällt potentiell ihre Bewertung aus. Das ist an sich nicht verkehrt. Visionen sind essenziell für unternehmerisches Handeln. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass nicht hinter allem, das sich mit den inflationär verwendeten Tech-Akronymen schmückt, eine bahnbrechende Neuerung steht.

Bei all der suggerierten Neuigkeit lässt sich eine erfrischende Kontinuität beobachten: die branchen­übergreifende Nutzung der Buzzword-Terminologie. So reihen sich die Tech-Akronyme nahtlos in die bestehenden Tele-, E- und Smart Cluster ein. Was jetzt aber genau der Unterschied zwischen E-Health, Telemedizin, Smart Health und HealthTech ist, das bleibt wohl nicht zu einem unerheblichen Teil unserer Kreativität überlassen.


  1. Die OECD nutzt beispielsweise die Vierteilung “High-“, “Medium-High”, “Medium-Low” und “Low-technology”, um produzierende Branchen in Hinblick auf ihren F&E-Anteil zu kategorisieren, siehe https://www.oecd.org/sti/ind/48350231.pdf 

  2. https://en.wikipedia.org/wiki/High_tech#cite_note-3 

  3. https://www.htgf.de/de/gruender/ 

  4. https://trends.google.de/trends/explore?date=all&q=fintech,insurtech,legaltech,high%20tech 

  5. https://www.researchgate.net/publication/314437464_Taming_the_Beast_A_Scientific_Definition_of_Fintech  2

  6. Abraham Bettinger, “FINTECH: A Series of 40 Time Shared Models Used at Manufacturers Hanover Trust Company”, Interfaces Vol. 2, No. 4 (Aug., 1972), pp. 62-63 

  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6pferische_Zerst%C3%B6rung